Der Preis der Authentizität
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Must have
Das berichten Leserinnen über das Buch.
Hier stehen bald die ersten Rezensionen über das Buch. Stay tuned in.

Lies hier die ersten 3 Kapitel online ...
»Nein.«
Erin schaltete leise Hintergrundmusik ein und kam zu mir an die Theke. »Amber … Überleg doch mal. Du hast eine Hammerstimme, stehst natürlich auf der Bühne …«
»Gib dir gar keine Mühe. Auftritte sind für mich endgültig erledigt.«
»… du bist 26 Jahre alt, …«
»Ich kenne mein Alter.«
»… und erfüllst alle Bedingungen, um in die Casting-Show aufgenommen zu werden.«
»Du hast meine blonden Haare und dunkelblauen Augen vergessen …«, feixte ich. Der Flyer lag auffordernd auf der Theke. Famous in L.A. – ein Monat als Star in Hollywood. Clubbesuche, Stretchlimo, Bodyguards.
Ein Zittern lief durch meinen Körper. »Nein, nie wieder. Ich singe nur noch für mich. Aber nicht mehr für andere.«
»Geht es immer noch um diesen einen missglückten Auftritt vor zehn Jahren? Daran erinnert sich doch niemand mehr.«
Ich seufzte. Seit wann waren Gesangslehrerinnen so hartnäckig? Ich liebte sie wie eine Mutter, aber jetzt ging sie zu weit. »Erin, lass es gut sein. Mein Nein ist endgültig und nicht verhandelbar. Ich mach mich nie wieder zum Affen.«
Schweigend tranken wir aus unseren Flaschen. Dann schob sie mir den Flyer noch etwas näher. »Nimm ihn wenigstens mit und schlaf mal darüber.«
Ihr zuliebe faltete und stopfte ich ihn in meine Hosentasche. »Aber mach dir keine Hoffnungen.« Ich trank noch einen Schluck. »Können wir jetzt weitermachen?« Ich sprang von meinem Hocker und marschierte demonstrativ zur Spiegelwand an meinen Platz zurück.
Erin ging zum Laptop und seufzte. »Die Anmeldefrist läuft in ein paar Tagen ab …« Ich reagierte nicht darauf.
Erin klatschte in die Hände. »Beginnen wir noch mal mit dem Intro. Ausgangsposition – und Hände dreimal öffnen und schließen. Schneller. Sehr gut. Arme hoch, Schritt links, close, Schritt rechts, close, Arme sinken lassen und drehen. Stopp, das muss eine fließende Bewegung sein, und lächeln!«
Ich ließ meine Schultern hängen und stützte mich auf den Knien ab. »Heute fehlt mir echt die Konzentration.«
Sie grinste. »Das sehe ich. Hast du dich etwa verliebt?«
Ich lachte. »Schön wär’s. Nein, du weißt doch, dass sich niemand für mich interessiert. Und es auch niemals tun wird.«
Erin schüttelte den Kopf. Seufzend nahm sie am Laptop ein paar Einstellungen vor. »Wir lassen die Choreo für heute ruhen und widmen uns dem Song.«
Sogleich erklang die Karaokeversion von Kelly Sparks’ Megahit Freckles aus den Boxen. Ich atmete tief durch und stellte mich auf, bereit für meinen Einsatz. Nach den ersten paar Takten erfüllte mich diese konzentrierte Ruhe, die ich beim Singen immer verspürte.
Als ich die erste Strophe sang, war ich in die Situation eingetaucht und fühlte fast körperlich den Schmerz der Ablehnung.
In school they’d point and laugh at me
Each dot a reason for their shame
I hid behind my hair for years
And tried to play a different game
I wore their words like ugly scars
And learned to keep my freckles dark
But somewhere underneath the hurt
A fire waited for its spark
Beim Refrain lebte ich vollkommen in der Musik.
Freckles on my face
Freckles on my soul
Freckles everywhere
And they make me whole
Fire in my hair
Stars across my skin
I love my freckles
Let the light come in
Fire and ice
Wild and free
That’s what my freckles
Mean to me
Als der letzte Akkord verklungen war, stand ich still und schaute versonnen auf meine Fußspitzen. Wäre ich je in der Lage, dieses Lied vor Publikum zu singen, oder behielte mich mein Trauma im Griff?
Erin klatschte Applaus. »Wow, Amber, das war himmlisch. Und das ist noch eine Untertreibung. Du bist so talentiert. Was für eine Verschwendung, wenn du das nur für dich behältst.«
Ich hob den Kopf und strich mir die Haare aus dem Gesicht. »Nein, Erin, ich würde sterben. Ich werde nie wieder auftreten.«
Und plötzlich konnte ich mich einfach nicht mehr konzentrieren. Was Erin gesagt hatte, ließ mir keine Ruhe. War es egoistisch von mir, nur für mich allein zu singen? Aber die Hürde eines Auftritts erschien mir einfach zu hoch.
*
Prüfend sah ich zum dunklen Novemberhimmel hinauf. Der Regen schien gerade eine Pause einzulegen. Ein Blick auf die Uhr im Handy trieb mich zur Eile an.
Als ich an einem städtischen Abfalleimer vorbeikam, entsorgte ich den lästigen Flyer. Damit wollte ich definitiv nichts zu tun haben. Um Erins Nachfragen auszuweichen, konnte ich einfach noch ein wenig Zeit schinden, bis der Anmeldetermin vorbei war.
Ein feiner Nieselregen setzte ein. Ich spannte meinen Regenschirm auf und schritt zügig aus. Wenn ich Rose in der Chickensandwich-Bar warten ließ, würde sie wütend, und dann wäre der Abend gelaufen. Die feuchte Kälte fraß sich durch meinen grauen knielangen Mantel, den ich vor einigen Jahren im Secondhandshop gekauft hatte. Dumm von mir, dass ich am Morgen meinen Schal zu Hause gelassen hatte.
Vor dem Portal eines Hotels stieß ich auf eine unruhige Menschenansammlung, die aufgeregt schnatterte und auf etwas zu warten schien. Neugierig trat ich näher. Vom Straßenrand bis zur Drehtür war ein von Kordeln gesäumter roter Teppich ausgelegt worden. Jetzt realisierte ich auch, dass die Menge aus Fotografen und Leuten mit Videokameras bestand. Jetzt fiel es mir wieder ein. Heute Abend fand hier eine Benefizgala mit Prominenz und Hollywood-Stars zugunsten krebskranker Kinder statt. Die Aufregung griff auf mich über. Ob ich auch einen Star zu Gesicht bekäme?
Eine schwarze Stretchlimo fuhr heran und hielt genau neben dem roten Teppich. Ich reckte den Hals. Ein schwarz gewandeter Beifahrer mit einem gut sichtbaren Ohrstecker stieg schwungvoll aus, blickte sich prüfend um und öffnete die hintere Tür. Schwarzen, glänzenden High Heels folgten lange, schön geformte Beine. Dann kamen ein Körper in einem kurzen schwarzen Etuikleid, anmutige Arme mit schlanken Händen, die eine weiße Clutch hielten. Und dann – mir stockte der Atem – stieg sie aus: Kelly Sparks, mit ihren kupferroten Haaren und dem Gesicht voller Sommersprossen. Ich kannte alle ihre Lieder auswendig. Sie stellte für mich den Inbegriff von Lebensfreude und Erfolg dar. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Ausgerechnet Kelly Sparks, hier in Spartanburg, dieser verschlafenen Provinzstadt in South Carolina.
Sie blieb vor der Limo stehen, blickte lächelnd in die Runde und winkte mit ihrer freien Hand. Aus der Menge der Paparazzi und Fans erhob sich ein ohrenbetäubendes Gebrüll: »Kelly, sieh hierher!« – »Kelly, ein Autogramm!« – »Kelly … Kelly … Kelly!« Noch nie hatte ich ein solches Blitzlichtgewitter erlebt. Sogar ich hob meine Hand und rief: »Kelly, ich liebe dich! Ich möchte so sein wie du!« Hatte ich das wirklich gerufen?
Nachdem sich der erste Hype unter den Paparazzi gelegt hatte, stieg ihr Ehemann Luke Halliwell aus. Die beiden hatten vor Kurzem erst geheiratet. Ganz anders als auf ihrem Insta-Kanal trug er einen dunklen Anzug mit einer Fliege und schwarz glänzende Designerschuhe. Kelly drehte sich zu ihm um. Er legte den Arm um ihre Schultern, und sie küssten sich. Sie machten einen absolut glücklichen Eindruck auf mich.
Während ich auf und ab hüpfte und winkte, dachte ich darüber nach, wie schön es doch wäre, berühmt zu sein. Dann hätte ich bestimmt auch einen lieben Mann, tolle Freunde und genug Geld für eine größere Wohnung. Vielleicht sogar ein Auto. Und Reisen – Paris, Rom, London – all die Orte, die ich nur aus Filmen kannte. Dass diese Stars ein Leben führten, das viel weniger Freiheiten zuließ, als meines, davon hatte ich damals absolut keine Ahnung.
Ich war so in meine Tagträume versunken, dass ich nicht auf die gedrungene Frau mit Fotokamera und dunkelbrauner Lederjacke achtete, die plötzlich rückwärts aus der Menschenmenge hervorschoss. Sie rempelte mich an. Ich trat einen Schritt zurück, stolperte über den Randstein … und fiel.
Das Wasser der Pfütze war eiskalt. Es durchnässte sofort meine Jeans, meinen Mantel und kroch in meine Schuhe. Mein schwacher Schrei ging im tosenden Lärm unter.
Die Frau drehte sich um und sah auf mich herab. »Kannst du nicht aufpassen, du Trampel? Hier ist kein Platz für Zuckerpüppchen, die Profis bei der Arbeit behindern!«
Ich öffnete den Mund. Wollte etwas sagen. Ich bin gestolpert. Du hast mich angerempelt. Aber die Worte kamen nicht heraus.
Sie drehte sich weg, zurück zu den Kameras, den Scheinwerfern und Kelly Sparks.
Und ich saß in der Pfütze. Nass, kalt und unsichtbar. Wieder einmal.
Langsam rappelte ich mich auf und wischte mir übers Gesicht. Meine Hände zitterten, aber nicht vor Kälte oder weil ich mir wehgetan hätte.
Kelly und Luke schwebten gerade Hand in Hand die Treppe hinauf. Ein letztes Lächeln, dann verschluckte sie die Drehtür.
Meine durchnässten Kleider klebten an mir, das Wasser in den Schuhen gurgelte und der Frust in meiner Brust gärte. Ich war weit, weit weg von allem, was ich mir vorgestellt hatte.
Missmutig sah ich an mir herab. Da half nichts, ich musste mich umziehen, bevor ich Rose traf. Während ich nach Hause eilte, schrieb ich ihr eine Nachricht.
Weshalb hatte ich eigentlich noch keinen tollen Mann und Kinder? War ich zu wählerisch? Bobby Joe, Tanner und ein paar weitere Jungs hatten sich für mich interessiert. Aber ich hatte sie alle abblitzen lassen. Der eine war mir zu sehr mit Football beschäftigt gewesen, der andere jagte und zeigte mir ständig Fotos von seinen erlegten Tieren, die mir fast das Herz brachen, und der dritte redete pausenlos über aufgemotzte Trucks. Hätte ich einfach mehr Interesse zeigen sollen?
Ich rannte in meine Wohnung und wechselte hastig die Kleider. Als ich in den Spiegel schaute und meine Haare richtete, dachte ich an Bobby Joe, Tanner und die anderen. Vielleicht war ich wirklich zu wählerisch. Aber wenn weniger wählerisch bedeutete, jemanden zu nehmen, der mich nicht wirklich sah …, dann blieb ich lieber allein.
Rasch schloss ich die Tür und machte mich auf den Weg zu Rose. Heute Abend würde ich mich sowieso nicht verlieben.
M. W. Fischer wurde in Basel geboren und fühlt sich seit jeher zu den grossen Weiten hingezogen – ob literarisch oder geografisch. Mit seinem Camper hat er die USA mehrfach bereist und lässt sich von der Welt inspirieren. Bisher hat er fünf Romane veröffentlicht, die eines gemeinsam haben: Sie erzählen von Menschen auf der Suche nach Wahrheit, Freiheit und dem, was wirklich zählt. Schreiben ist für Fischer nicht bloss Handwerk – es ist eine Form der Liebe. Seine Geschichten wollen Leserinnen und Leser berühren, zum Nachdenken bringen und vielleicht sogar verändern. Er glaubt daran, dass die besten Romane jene sind, die man nicht einfach beiseitelegt, sondern die noch lange im Herzen nachklingen. Auf www.autor-martin-fischer.ch kannst du mehr über ihn und seine Bücher erfahren.